URS WOLFENSBERGER IM INTERVIEW

Urs Wolfensberger ist seit 2008 Executive Director of Marketing and Sales bei der WEMF und Mitglied der Geschäftsleitung. Per Ende Juli 2019 geht er in Pension und übergibt sein Amt an Mike Weber, einem fundierten Kenner der Online- und Werbebranche.

Der angehende Leiter des Bereichs Marketing and Sales nützt die Gelegenheit und stellt seinem Vorgänger im nachfolgenden Interview spannende Fragen über die bedeutendsten Meilensteine seiner beruflichen Laufbahn, die wichtigsten Learnings und die branchenbezogenen sowie persönlichen Zukunftsaussichten.

Lieber Urs, du bist nun seit mehr als zehn Jahren bei der WEMF als «Executive Director of Marketing and Sales» tätig. Was sind die grössten Veränderungen und Herausforderungen im Vergleich zu deinen Anfängen, denen du dich stellen musstest?

Unser Ziel war es, eine «Geschäftsstelle» in ein optimal aufgestelltes Medienforschungsinstitut zu transformieren. Das hiess also State-of-the-Art-Management- und Produktionsprozesse, neue Produkte, neues Image, moderne Infrastruktur. Ich glaube, das ist uns allen ganz gut gelungen.

Als ehemaliger Gesamtleiter der Publimedia AG (eine ehemalige Tochterfirma der inzwischen in Konkurs gegangenen Publicitas AG als Teil der PubliGroupe, Anm. der Redaktion) warst du für deren All-Media-Ansatz verantwortlich. Ein Anspruch, den bekanntlich auch die WEMF in ihrer Vision teilt. Weshalb ist dieser dermassen ambitiös, dass er bis heute noch von keinem Mediaplayer wirklich vollzogen werden konnte?

Die Schlüsselfrage lautet: Wie viele Quadratzentimeter sind 30 Sekunden?

Kannst du das etwas genauer erklären?

Elektronische Medien werden in Zeiteinheiten vermarktet, Print und Out-of-Home in Flächen und bei wieder anderen Medien geht es darum, betrügerische Kontakte, also «Ad Frauds», von real existierenden zu unterscheiden. Für die quantitative Bewertung von Medienleistung lassen sich allenfalls vergleichbare Konventionen auf Währungsebene finden ‒ so wie das die MA Strategy seit Jahrzehnten auf strategischer Ebene sehr erfolgreich macht. Aber Medien haben eben auch eine qualitative Seite. Spätestens da beginnen die Glaubenskriege.

Du giltst als Pionier der Internetforschung (Urs war MD bei MMXI / Nielsen / Net-Ratings, Anm. der Redaktion) und hast die Anfänge der NET-Metrix AG miterlebt. Mittlerweile laufen die Online-Medien den klassischen Offline-Medien immer mehr den Rang ab. Wo siehst du die Chancen für Print?

Tun sie das denn? Für mich war Online schon immer primär eine Querschnitts-Technologie. Wie Strom oder die Dampfkraft. Die meistgenutzten Online-Medien sind News-Plattformen. Natürlich eröffnet ein Online-Vertriebskanal neue Möglichkeiten. Aber schon in den 90er Jahren sagten wir: «Content is king.» Heute würde ich ergänzen: «And do not forget context either.»

Mit dem SMDH (Swiss Media Data Hub, ein Entwicklungsprojekt der Mediapulse und der WEMF, Anm. der Redaktion) wurde versucht, eine neue Online-Werbeträgerforschung mit einer neuen Online-Werbemittelforschung zu kombinieren. Was ist dein wichtigstes Learning aus dem eingestellten Projekt?

Eine Art Mount Everest, den keiner auf der Welt je besteigen konnte. Der Berg ist noch da. Und er wird eines Tages erklommen sein. Mein Learning ist wie immer: Einiges hat nicht funktioniert und soll in Zukunft anders gemacht werden. Interessanter aber ist das, was funktioniert hat. Dieser Wegweiser wird dich oder deine Nachfolger eines Tages auf den Gipfel bringen.

Wie siehst du die Zukunft der JICs (Joint Industry Committees, Anm. der Redaktion)? Sind sie ein Relikt aus vergangener Zeit oder der einzige Garant für unabhängige, glaubwürdige, akzeptierte Währungsdaten?

Währungen sind immer Konventionen. Ohne Vertrauen funktionieren sie auf Dauer nicht. JICs als «Konventions-Körperschaften» haben sich seit Jahrzehnten weltweit bewährt. Ich sehe auch in einer disruptiven Welt keine ernsthafte, demokratische und damit nachhaltige Alternative.

Welches ist der grösste und wichtigste Meilenstein, den du mit deinem Team erreicht hast?

Es gibt so viele wichtige Wegmarken, die wir gemeinsam passiert haben. Ich hatte tolle und sehr engagierte Kolleginnen und Kollegen. Das gilt nicht nur für das Team Marketing and Sales und Communications. Das gilt für die ganze Crew der WEMF.

Von welchem aussergewöhnlichen Ereignis aus deiner langen Karriere wirst du noch deinen Enkeln erzählen?

Meine Tochter ist erst 19. Da habe ich hoffentlich noch etwas Zeit. In 40 Berufsjahren kommt einiges zusammen. Privat besonders prägend war für mich das Zeitschriften-Projekt «Diagonal». Kommerziell war dies ein grandioser Flop. Aber bei einer Präsentation vor etwa 80 Kaderpersonen habe ich eine Teilnehmerin entdeckt, die mir gefallen hat. Sie wurde die Mutter dieser Tochter.

Eine sehr spezielle Zeit war auch der New-Economy-Hype in den 90er Jahren, als wir mit Real Media ein IPO an der Nasdaq planten. Wir waren bereit und die Börsen krachten zusammen.

Du gibst dein profundes Medien-Know-how als Dozent an verschiedenen Fachhochschulen (z. B. am SAWI, an der BVS und am KV Luzern, Anm. der Redaktion) weiter. Welche Trends neben Social Media erkennst du in der Mediennutzung bei den Jungen?

Grundsätzlich scheint mir hat sich wenig geändert. Unterhaltung und Freunde sind zentral geblieben. Klar: Die Distribution hat sich erweitert. Lineares TV ist eher out, aber gestreamte Serien sind in bis zur Überdosis. Radio hat es nicht leicht; alle tragen eine persönliche Phonothek mit sich herum.

Zwei Dinge faszinieren mich: Wieso kann sich die Mär halten, dass Junge nicht mehr lesen? Das ist doch klar und nachweisbar faktenwidrig. Und warum glauben eigentlich alle, dass das Mediennutzungsverhalten der Jugend eins zu eins ins Alter übernommen wird? Das ist doch viel zu kurz gegriffen. Mein Musikkonsum beispielsweise hat sich in den letzten 45 Jahren massiv reduziert und verändert. Auch an den letzten Western, den ich im Kino gesehen habe, kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern. Die Tageszeitungen und ein paar Zeitschriften, die ich in meiner Jugend gelesen habe, lese ich aber heute noch.

Falls du mir nur einen einzigen Rat geben dürftest, welcher wäre dies, damit ich deine hervorragende Arbeit erfolgreich weiterführen kann?

Hinterfrage deine Überzeugungen und nutze sie als Kompass.

Wer hat dich während deiner beruflichen Laufbahn am stärksten geprägt bzw. von wem hast du am meisten gelernt?

Alle meine Chefs waren grossartige Lehrmeister, die mich sehr gefördert haben, mit einer Ausnahme.

Wenn du noch einmal von vorne beginnen könntest – was würdest du anders machen?

Wenig. Aber: Timing ist noch wichtiger, als ich am Anfang dachte.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was machst du als Jung-Pensionär, damit du deiner Frau nicht auf die Nerven gehst?

Gerne engagiere ich mich beruflich auch weiterhin und bin offen für Mandate. Für meine Frau sollte sich eigentlich nichts ändern. Sie ist erfolgreiche Unternehmerin und jünger als ich. Ich werde versuchen, mich bei der Reorganisation des Haushalts zurückzuhalten.

Lieber Urs, vielen Dank für deine wie immer pointierten Aussagen! Es ist mir eine Ehre, in deine Fussstapfen treten zu dürfen, und ich hoffe, dass wir dich am einen oder anderen Branchenanlass wiedersehen.

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