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Vor 34 Tagen

«Es geht nicht um Wohltätigkeit, sondern um die Geschäftsfelder der Zukunft»

Interview mit Cédric Habermacher

Cédric Habermacher ist Direktor von Green Business Switzerland und Keynotespeaker des diesjährigen Schweizerischen Medienforschungstags. Im Interview erklärt er Corinne Gurtner, WEMF Director of Corporate Communications, was er unter nachhaltigem Handeln versteht, wie gut sich dieses mit ökonomischen Zielsetzungen verträgt, wieso er Unternehmen als entscheidenden Teil der Lösung betrachtet und welche Herausforderungen die jährliche Verleihung des Green Business Award für ihn bereithält.

Guten Tag Cédric Habermacher, die Nachhaltigkeitsdiskussion ist derzeit allgegenwärtig. Wie können Laien nachhaltiges Handeln von Unternehmen erkennen und von reinem Greenwashing unterscheiden? 

Dies ist leider oftmals sehr schwierig. Es gibt keine international anerkannten Standards für Nachhaltigkeit. Hinzu kommt, dass Nachhaltigkeit manchmal komplex und nicht intuitiv ist. Ein Beispiel: Eine Zeitlang war es trendy, dass man beim Einkaufen nicht die angebotenen Plastiksäckli verwendet, sondern einen Stoffsack kauft. Wenn man jedoch die ganze Ökobilanz berücksichtigt – also inkl. Produktion, Transport und Entsorgung, dann muss man einen solchen Stoffsack über 130-mal verwenden, bis er «nachhaltiger» ist als ein Plastiksack. Dies dürften die wenigsten tun. Entsprechend gibt es bei der Nachhaltigkeit in Sachen Transparenz noch viel nachzuholen. Hilfreich sind darüber hinaus vertrauenswürdige Labels, aber auch der WWF oder nachhaltigleben.ch geben gute Leitlinien, an denen man sich orientieren kann. 


Wie definiert und misst man Nachhaltigkeit genau?

Am bekanntesten ist sicher die sogenannte «Triple Bottom Line», welche besagt, dass für eine nachhaltige Entwicklung die sozialen, ökologischen und ökonomischen Ziele einer Organisation ausgewogen verfolgt werden müssen. Was dies aber im Detail heissen soll, dafür gibt es wie gesagt keine internationalen Standards. 

Auch die sogenannten ESG-Ratings aus der Finanzwelt, welche die Nachhaltigkeit von Unternehmen messen, sind uneinheitlich und kommen bei der gleichen Unternehmung oft zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. 

Ein wichtiger allgemeiner Kompass sind sicher die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der UNO (SDGs). 


Green Business Switzerland sieht Unternehmen als zentralen Teil der Lösung. Inwiefern verträgt sich Nachhaltigkeit mit Wirtschaftlichkeit?

Der vermeintliche Tradeoff zwischen Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit ist ein Denkfehler. Solange wir uns von der Umwelt quasi «subventionieren» lassen, mag es kurzfristig ökonomisch gewinnbringender sein, nicht nachhaltig zu sein. Leider hat dies aber dazu geführt, dass wir unseren Planeten in kurzer Zeit an seine Belastungsgrenzen geführt haben. Wir bei Green Business Switzerland sind deshalb überzeugt, dass Unternehmen künftig nur erfolgreich sein werden, wenn sie nachhaltig agieren. Dabei geht es nicht um Wohltätigkeit, sondern um die Geschäftsfelder der Zukunft! 


Was raten Sie Unternehmen im Medien- und Werbemarkt, welche die Nachhaltigkeitstransformation aktiv angehen wollen?

Es gibt mittlerweile verschiedene spannende Initiativen, welche Unternehmen in diesem Prozess unterstützen. Ein guter Ausgangspunkt wäre zum Beispiel esg2go.org. Das Tool bietet KMU eine praxisnahe und kostengünstige Standortbestimmung und macht die eigene Nachhaltigkeit mess- und vergleichbar. Will man die Ergebnisse in einem Reporting publizieren, erfolgt dies teilweise automatisiert. 

Wer weiter gehen möchte, kann sich auch der Science Based Targets Initiative anschliessen (www.go-for-impact.ch/sbti).


Verbreiter von Marketing- und Werbebotschaften wollen vor allem zum Kauf eines Produktes oder einer Dienstleistung anregen. Nachhaltiges Verhalten wird aber oft mit einem gewissen Verzicht oder zumindest einer Konsumreduktion gleichgesetzt. Wie ist dieser Widerspruch auflösbar?

Hier muss man differenzieren. Der Massenkonsum von Gütern, die nur deshalb extrem billig sind, weil die von ihnen verursachten Umweltschäden nicht eingepreist sind, wird nie nachhaltig sein. Insofern gibt es hier keinen Widerspruch aufzulösen. Diese Form des Wirtschaftens hat in meinen Augen aber ohnehin keine Zukunft. 

Gleichzeitig glaube ich aber auch nicht, dass die Lösung in einem weitgehenden Verzicht der Konsumentinnen und Konsumenten liegen wird. In einer Welt, in der beispielsweise ein Drittel aller produzierten Lebensmittel gar nie auf dem Teller landet, haben wir andere Probleme zu lösen, bevor wir überhaupt über Verzicht sprechen müssen. Die Lösungen dazu sind bereits vorhanden. Wir zeichnen sie mit unserem Award aus. Jetzt geht es darum, dass sie in grosser Zahl auf den Markt kommen. Hier kann die Werbeindustrie einen wichtigen Beitrag leisten. Wenn sie es dabei sogar noch schafft, statt einer «Geiz-ist-geil-Mentalität» einen neuen Respekt für unseren Planeten in die Köpfe der Menschen zu bringen, wäre viel gewonnen.


Green Business Switzerland vergibt jedes Jahr einen Award für «führende Lösungen im Bereich der unternehmerischen Nachhaltigkeit». Welche Kriterien muss ein Unternehmen erfüllen, um als Gewinner hervorzugehen?

Wir prämieren unternehmerische Lösungen, welche einen relevanten Beitrag zu den grossen ökologischen Herausforderungen unserer Zeit leisten und dabei auch wirtschaftlich erfolgreich sind. Denn nur so wird die dringend notwendige Transformation gelingen! Viele nachhaltige Lösungen brauchen zwar noch bessere regulatorische Rahmenbedingungen, um im Markt gleich lange Spiesse zu bekommen. Wir zeigen aber, dass es bereits heute in allen Branchen inspirierende Beispiele gibt, welche Ökologie und Ökonomie sehr erfolgreich verbinden. Auf diese Weise erzielen sie schnell und mit grossem Hebel einen echten Impact für unseren Planeten.


Ist es in den letzten Jahren schwieriger oder einfacher geworden, entsprechende Anwärter zu finden?

Obwohl es in der Tendenz einfacher wird, nachhaltige Lösungen zu finden, bleibt es eine Herausforderung, jedes Jahr die überzeugendsten Unternehmen ausfindig zu machen. Dazu verfügen wir über einen einzigartigen Auswahlprozess mit mehrstufiger Qualitätssicherung. Unternehmen können sich übrigens bewusst nicht selber bewerben, weil wir der Meinung sind, dass die Besten oft gar keine Zeit haben, sich um Awards zu kümmern. Aus diesem Grund arbeiten wir mit allen wichtigen Wirtschaftsorganisationen des Landes zusammen, welche ihre Märkte sehr gut kennen und die besten unternehmerischen Lösungen zuhanden unserer Jurys nominieren. 


Was tun Sie persönlich, um Ihren ökologischen Fussabdruck zu verringern?

Ich habe mich bewusst dafür entschieden, als Direktor von Green Business Switzerland einen grossen Teil meiner Zeit in die Förderung der unternehmerischen Nachhaltigkeit zu investieren. Durch meinen Beruf erziele ich wahrscheinlich am meisten Wirkung. 

Privat fliege ich selten, investiere mein Geld nachhaltig und versuche wann immer möglich, nachhaltig einzukaufen. Aber um ganz ehrlich zu sein: Ich bin mit Blick auf meinen ökologischen Fussabdruck noch nicht da, wo ich sein möchte. Teilweise aus Bequemlichkeit oder Gewohnheit, oft aber auch, weil ich vieles gar nicht beeinflussen kann. Unternehmen haben hier mehr Leverage.


Sie werden am diesjährigen Schweizerischen Medienforschungstag eine Keynote halten. Wieso sollte man diese keinesfalls verpassen?

Ich präsentiere in 20 Minuten meine wichtigsten Erkenntnisse, besten Geschichten und inspirierendsten Beispiele aus der Welt der unternehmerischen Nachhaltigkeit. 


Vielen Dank für diese spannenden Ausführungen und Denkanstösse.

Cédric Habermacher

Zur Person

Cédric Habermacher ist Ökonom und Vater. Seit 2019 leitet er Green Business Switzerland und hat sich zum Ziel gesetzt, die Unternehmer:nnen in diesem Land für echte unternehmerische Nachhaltigkeit zu inspirieren. 

Daneben fliegt er mit Adlern in der Thermik und produziert Musik für Schweizer Bands und Kinofilme.